Milieu

Jan Kiefer

Kästen

06.12.2015 —02.01.2016

Ausflug ins Freilichtmuseum Ballenberg 17.04.2016

Milieu: Jan Kiefer

Exhibition view

Milieu: Jan Kiefer

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Milieu: Jan Kiefer Milieu: Jan Kiefer

Zweitüriger Kasten, wood, metal, glass, various materials, 170x132x51 cm, 2015

Milieu: Jan Kiefer

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Milieu: Jan Kiefer

na ja, powdercoated stainless steel, dimensions variable, 2016

Milieu: Jan Kiefer

Schmaler Eintüriger Kasten, wood, metal, glass, various materials, 183x73x51 cm, 2015

[DE]

Oft sind es Details, die eine Geschichte erzählenswert machen. Dazu gehören eben genau jene Kleinigkeiten, die man erst nach einiger Zeit erkennt, die man dann aber auch verinnerlicht. Nehmen wir also mal an es gibt so eine Geschichte, die darauf beruht die Kleinigkeiten und die Details zu beachten. Das Ganze spielt mehr oder weniger im Jetzt und auch mehr und weniger in unserer Umgebung, rein geographisch gesehen. Unweit einer größeren Stadt liegt ein kleines Dorf. Die Bewohner dieses Dorfes würden es selber wohl kaum als Dorf bezeichnen, vielmehr als eine Ansammlung von Häusern. Einig sind sich die Bewohner dieses Dorfes nur selten, die meisten davon sind sehr alt und wenige mittleren Alters und alle sehr griesgrämig. Diese Uneinigkeit kommt dann zum Vorschein, wenn man ihnen irgendeine Frage zu ihrer Heimat stellt. Einig sind sich aber alle, wenn man danach fragt, wo man denn in diesem Dorf, der Ansammlung von Häusern, etwas trinken kann. Blitzschnell kommt dann die Antwort, ganz ohne zögern. Geh ins ‚Reineke’, wohin denn sonst, heißt es dann. Nun ergab es sich das ein junger Mann eines Tages in dieses kleine Dorf kam und etwas trinken wollte und eben im ‚Reineke’ landete. Der junge Mann öffnete die alte hölzerne Tür, trat hinein in ein eher dunkles Kabäuschen und setzte sich an die Bar, die wohl hundert Jahre alt zu sein schien. Er merkte, wie ihn die Gäste oder besser gesagt ‚Bewohner’, schließlich waren die alle jeden Tag hier, so schien es, musterten. Er ignorierte es. Er wartete ein wenig und ein alter Mann stellte sich vor ihn, der mindestens so alt wie der hölzerne Tresen schien. ‚Ja’, hieß es. ‚Ein Bier’, antwortete er. Das war es auch schon an Dialog für die nächsten Stunden. Der junge Mann saß also am Tresen und schaute sich um, nicht zu auffällig versteht sich. Er trank sein Bier und bestellte ein neues. Sagen musste er aber nichts mehr, denn ein Fingerzeig auf das leere Glas und ein Nicken reichte. So verstand man sich. Es gab nicht wirklich viel zu sehen in dieser tristen, gar freudlosen Wirtschaft. Doch was ihm auffiel, und das interessierte ihn mehr und mehr, waren diese kleinen Schnitzereien in diesem alten Holztresen. Manche schienen wirklich heraus geschnitzt zu sein und andere eher lieblos heraus gekratzt; mit Fingernägeln die wohl lang und stabil genug schienen Holz zu bearbeiten. Es gab ganz verrückte Zeichen zu sehen, Namen zu lesen und Bilder zu entdecken. Alles war sehr simpel und sehr einfach und auch nicht zu vergleichen mit den Sprüchen oder Tags die er aus den Toiletten der Clubs und Bar in der Stadt kannte. Es war simpel doch so wahnsinnig aussagekräftig.

Es schien fast so, als erzählte dieser Tresen die Geschichte dieser Wirtschaft, die persönliche Geschichte der Familie, die das ‚Reineke’ eröffnete. Alles arrangierte sich um die Mitte des Tresens, wo man Initialen erkennen konnte, vermutlich die der Inhaber. Seit fast 100 Jahren schien es diese Bar hier zu geben. Um die Buchstaben und Jahreszahlen herum fanden sich kleine Bildergeschichten. Ein Paar war zu sehen, in Trachten tanzend und danach vor einem Haus, das sehr ähnlich dem war, wo er nun jetzt seit gut zwei Stunden saß. Die kleine Schnitzerei eines Kindes folgte, das mit zwei Hunden spielte. Um so genauer er hinschaute, um so mehr konnte er entdecken. Die Eltern wurden älter, das Kind, ein Junge, größer. Es ging auf Reisen, sah die Welt, segelte auf den Ozeanen und bestieg Berge und es kam zurück, zu jenem Haus, in welchem er geboren war. Die Eltern starben, der Sohn heiratete und dann war er plötzlich allein. Alles schien in Bewegung zu sein, die Geschichte von allein erzählt zu werden. Und doch hörte sie auf, sie ging einfach nicht weiter. All diese kleinen Schnitzereien, die ganz ohne Text auskommen und doch so viel erzählen, erinnerten ihn an Fabeln und Märchen und so langsam begann er sich zu fragen, ob der junge Mann, der heute viel älter sein müsste, noch lebte. Er trank sein Bier aus und wollte gerade ein neues bestellen, als er merkte, dass der Wirt schon vor ihm stand und ihn beobachtete. Es schien so, als hätte er ihn schon eine ganze Weile beobachtet, nur fiel es ihm nicht auf, da er so vertieft die Geschichte „las“. Der alte Mann, dessen Gesicht offensichtlich von der Zeit geprägt war, stellte ihm ein Bier hin, schaut ihm tief in die Augen und murmelte: „Das sind nur Bilder an einem alten Tresen. Nur Vergangenheit, nichts als Vergangenheit. Das geht aufs Haus.

Fabian Schöneich

Fotos: Valentina Suter

Die Ausstellung «Kästen» wird grosszügig von Kultur Basel-Stadt unterstützt.

[EN]

Often it’s the details which make a story worth telling. Among them are exactly those trivialities which one only recognizes after a while, but which then stay with you. Let’s assume there’s a certain story, one which is based on observing minutiae and details. It all plays out more or less in the present day, and more or less in our vicinity, at least geographically speaking. A certain small village is located not far from a larger city. The inhabitants of this village would probably not even call it that, more like just a collection of houses. The inhabitants rarely agree on anything; most of them of them are quite old, just a few of them are middle age, and every last one of them is crabby. Their disagreement surfaces particularly whenever they’re asked to answer a question about their hometown. On the other hand, everyone seems to agree on the answer to the question of where one can get something to drink in this village, or rather this collection of houses. As quick as lightening and without a moment’s thought the answer will come: head down to ‚Reineke’. Where else, after all? And so it happened that one day a young man arrived in this small village and wished to drink something and thus ended up at ‚Reineke’. The young man opened the old wooden door, walked into the rather dark cubbyhole and sat down at a counter which seemed to be a good hundred years old. He noticed how all of the customers — or, more precisely, the inhabitants, since they seemed to be there every day — seemed to size him up. He showed no reaction. He waited a bit, then an old man who was at least as old as the wooden counter came and stood in front of him. ‚Yes?’ came the question, and ‚a beer’ was the answer. That was about the entire dialogue for the next few hours. Thus the young man sat at the bar and looked around — inconspicuously, of course. He drank his beer and ordered another one. No more chitchat was needed, just a finger pointing at the empty glass and a nod of the head. That got the point across. There really wasn’t much to look at in this dreary, joyless pub. But then he noticed with growing fascination some small carvings in the old wood counter. Some of them seemed to have been carefully carved out, others roughly scraped, with fingernails that must have been long and solid enough to get through the wood. He saw some pretty strange figures, read names, discovered images. Everything was quite simplistic and crude and besides had nothing to do with the texts and tags which he knew from clubs and bars in the city. This here was crude, but meaningful.

It seemed as if this counter told the story of the pub, the personal story of the family who had opened ‚Reineke’. Everything was arranged around the middle of the counter, where one could make out initials — probably those of the owners. The bar must have been there for almost eighty years. Around these letters and years there were small picture stories. He saw a dancing couple in traditional dress next to a house quite similar to the very place where he had spent the last two hours. Nearby was a small carving of a child playing with two dogs. The closer he looked, the more he discovered. The parents grew older. The child — a boy — got bigger. He went away on trips, saw the world, sailed the seas, climbed mountains, and then came back to the house he had been born in. The parents died, the son got married and then was suddenly alone. Everything seemed to be in movement, the narrative told itself. And yet at one point it stopped, it ceased to continue. All these small carvings which managed to say so much without any text reminded him of fables and fairy tales, and thus he began to wonder if the young man (who must now be much older) was still alive. He finished his beer and was about to order a new one when he noticed that the barkeeper was standing in front of him and watching him. It seemed he hadn’t noticed the man watching for quite a while, lost in the story as he had been. The old man whose face bore the mark of many years served him another beer, looked him deep in the eyes and murmured, ‚Those are just pictures on an old counter. That’s all past, nothing but old history. This one’s on the house.’

Fabian Schöneich

Images: Valentina Suter

The exhibition «Kästen» is supported by Kultur Basel-Stadt.