Milieu

Rita Siegfried

A Room of One's Own

28.04.2019 —01.06.2019

Rita Siegfried — A Room of One's Own Rita Siegfried — A Room of One's Own Rita Siegfried — A Room of One's Own Rita Siegfried — A Room of One's Own Rita Siegfried — A Room of One's Own

Exhibition View

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Bahnhof, Acryl on MDF, 36 x 29 cm, 2018

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Reiher, Acryl on MDF, 26 x 26 cm, 2019

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Kormoran, Acryl on MDF, 34 x 27 cm, 2019

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Im Garten, Acryl on MDF, 26 x 26 cm, 2018

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Hund, Acryl on MDF, 21 x 26 cm, 2018

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Buch, Tempera on MDF, 27 x 17 cm, 2007

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Brunnen, Tempera on MDF, 22 x 23 cm, 2006

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Steinschlag, Acryl on MDF, 38 x 38 cm, 2014

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Haubenmeisen, Acryl on MDF, 40 x 44,5 cm, 2019

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Der Maler, Acryl on MDF, 34 x 25 cm, 2018/19

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Goldene Säule, Tempera on MDF, 30 x 28 cm, 2006

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Kirschen, Tempera on MDF, 26 x 16 cm, 2004

Rita Siegfried — A Room of One's Own

Wind, Acryl on MDF, 32 x 44 cm, 2015

Rita Siegfried — A Room of One's Own

[DE]

Vor genau 90 Jahren führt Virginia Woolf1 in ihrem Meisterwerk «A Room of One's Own» vor Augen, welche Umstände die Erschaffung purer Poesie bedingen. Grundlage ihrer Argumentation wird das eigene Zimmer, ein konkreter Rückzugsort und symbolische Grösse, in dem es möglich wird, sich um die Sache selbst zu kümmern; müssigzugehen, die Zukunft oder die Vergangenheit der Welt zu betrachten, über Büchern zu träumen und «die Angelschnur des Denkens tief in den Strom eintauchen zu lassen».2

Entstehungskontext ist das England der 1920er Jahre. Eine Zeit des Umbruchs, in der gehende Menschen, Pferdekutschen, Fahrräder und Automobile sich die Strassen Londons teilen. Eine Zeit, in der es Frauen an der Oxford Universität erstmals erlaubt ist, denselben akademischen Grad wie ihre männlichen Kommilitonen zu erlangen, ein Jahr später aber die Nicht-Einführung dessen an der Cambridge Universität von Studenten mit der Zerstörung des Denkmals für Anne Jemima Clough3 gefeiert wird. Es ist ein England, in dem erstmals Radiowellen gesendet werden und BCC ihren Versorgungsbereich innerhalb dreier Jahren über die gesamte Britische Insel ausweitet. Und es ist der Höhepunkt englischen Imperialismus: Das Britische Weltreich stellt mit 458 Millionen Einwohnerinnern und Einwohnern, einem Viertel der damaligen Weltbevölkerung, das grösste Kolonialreich der Geschichte dar.

1929 beschreibt Virginia Woolf einen Zustand, ohne den das Schreiben von purer Poesie unmöglich sei. Einen Zustand, der nur erreicht werden könne, wenn gewisse Bedingungen von Raum, Zeit und Geist erfüllt seien und führt damit Kritik an einer Gesellschaft ein, die bis dahin die Existenz von Poetinnen verhinderte:

Ein eigenes Zimmer ist wichtig, das zu betreten einem selbst vorbehalten ist. Das die Möglichkeit zum Sein an sich bietet, zum Denken an der Sache selbst, ohne eine Ablenkung einzulassen. Es bedarf an Zeit, darin zu verweilen und zu versinken, ohne eine Frist, die ablaufen kann.

Ein soziales Gegenüber wird gebraucht, eine Gesellschaft, die Neugierde hegt an dem, was darin erdacht wird. Keine Gleichgültigkeit darf existieren und keine Feindseligkeit, die einem gegenüber tritt. Ein Umfeld wird benötigt, das es ermöglicht, den Geist nicht zu beirren und keine Spur von Groll, Protest, Wut, Verbitterung und Angst empfinden zu müssen. Nur in solcherart Umständen kann ein Geist entstehen, der androgyn, porös und resonant ist und befreit von sich selbst betreffenden Zuschreibungen sozialer Ordnung.

Der Weg zu Bildung muss frei sein. Und ein bedingungsloses Einkommen wird benötigt, CHF 30'000.- im Jahr4, das Unabhängigkeit garantiert und keine Arbeit fordert in grauen Anzügen für etwas oder jemanden, den oder die wir nicht kennen.

Für ungefähr das Jahr heute stellt Woolf eine hoffnungsvolle Prognose: Shakespeares Schwester soll geboren werden; eine Poetin mit androgynem Geist, mit dem Talent und sorglosen Leben ihres Bruders, die über die von Woolf geforderten Bedingungen verfügt, die Gewohnheit zur Freiheit kennt und den Mut hat, genau das zu schreiben, was sie denkt.

Die Geburt von Shakespeares Schwester und damit auch Woolfs Hoffnungen in die Möglichkeit einer Umsetzung der von ihr geforderten gesellschaftlichen Strukturen wird ins Heute imaginiert; in eine Zeit, in der die erste Frauenmehrheit im Schweizer Bundesrat tatsächlich bereits neun Jahre zurück liegt. In eine Dekade, in der das Schweizer Stimmvolk ein erstes Mal über die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen»5 abstimmen darf, in welcher der Begriff Fake News in den DUDEN aufgenommen wird und die Demokratische Republik Kongo den letzten Platz im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen6 einnimmt. Die Prognose trifft ungefähr ein Jahr, in dem das World Wide Web 30 Jahre alt wird.

In ebendiesem Heute malt Rita Siegfried, unabhängig von der Lektüre Woolfs, Räume, die uns das eigene Zimmer vorführen; die uns erinnern lassen an Woolfs Hoffnung in die heutige Welt. Die Motive scheinen vertraut, scheinen Teil unserer materiellen Realität geworden zu sein. Und doch lösen die Arbeiten Siegfrieds ein Gefühl von Sehnsucht in uns aus. Denn Momente, in denen wir verweilen und versinken mögen scheinen rar; ein androgyner, poröser und resonanter Geist erweist sich als Ausnahme. Lasst uns gemeinsam die restlichen Schritte zu Ende führen.

«Denn Meisterwerke sind keine einzelnen und einsamen Geburten; sie sind das Erzeugnis vieler Jahre gemeinsamen Denkens, Denkens der Gesamtheit des Volkes, so dass die Erfahrung der Masse hinter der einzelnen Stimme steht.»7

 

Rita Siegfried (*1964) lebt und arbeitet in Bern. Nach einer Lehre als Vergolderin (1980-1984) schloss sie 1999 ihr Studium Bildende Kunst an der Schule für Gestaltung in Bern ab. Sie arbeitet als Künstlerin sowie Vergolderin und lehrt an der Schule für Gestaltung Bern. 1996 erhält sie das Aeschlimann Corti Stipendium und 2001 Werkbeiträge der Stadt Bern.

 

1 Virginia Woolf (* 25. Januar 1882 in London; † 28. März 1941 bei Sussex) war eine britische Schriftstellerin und Verlegerin. Sie entstammte einer wohlhabenden Intellektuellen-Familie, die zahlreiche Kontakte zu Literaten hatte. Als Jugendliche erlebte sie die viktorianischen Beschränkungen für Mädchen und Frauen. Sie war früh als Literaturkritikerin und Essayistin tätig; ihre Karriere als Romanautorin begann im Jahr 1915 mit dem Roman The Voyage Out (Die Fahrt hinaus). Ende der 1920er Jahre war sie eine erfolgreiche und international bekannte Schriftstellerin. Woolf wurde in den 1970er Jahren wiederentdeckt, als ihr Essay A Room of One's Own (Ein Zimmer für sich allein) aus dem Jahr 1929 zu einem der meistzitierten Texte der neuen Frauenbewegung wurde. Mit ihrem avantgardistischen Werk zählt sie neben Gertrude Stein zu den bedeutendsten Autorinnen der klassischen Moderne.

2 «Sei es auf geraden oder krummen Wegen, ich hoffe, dass Sie sich in den Besitz von genug Geld bringen werden, um zu reisen und müssigzugehen, um die Zukunft oder die Vergangenheit der Welt zu betrachten, um über Büchern zu träumen und an Strassenecken zu verweilen und die Angelschnur des Denkens tief in den Strom eintauchen zu lassen.» Woolf, Virginia: Ein eigenes Zimmer (A Room of One's Own). Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2001 (1929), 107.

3 Anne Jemima Clough (*1820) war eine britische Suffragette und Kämpferin für höhere Bildungsmöglichkeiten für Frauen. Sie war die erste Principal des Newnham Colleges.

4 Virginia Woolf nennt 1929 den Betrag von £ 500.- pro Jahr, was heute in etwa CHF 30'000.– entspricht.

5 Die Initiative verlangt vom Bund, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dieses soll der ganzen Bevölkerung ermöglichen, ein menschenwürdiges Dasein zu führen und am öffentlichen Leben teilzunehmen, unabhängig von einer Erwerbsarbeit.

6 Der Index der menschlichen Entwicklung (engl. Human Development Index, HDI) der Vereinten Nationen (UNO) ist ein Wohlstandsindikator für Staaten.

7 Woolf, Virginia: Ein eigenes Zimmer (A Room of One's Own). Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2001 (1929), 66.

[EN]

Exactly 90 years ago, in «A Room of One's Own», Virginia Woolf1 delineated the necessary conditions for the creation of pure poetry. The foundation of her argument was the so-called room of one's own, meant both as a weighty symbol and as a very concrete place of retreat, where one can think of things in themselves, idle, contemplate the future or the past of the world, dream over books and «let the line of thought dip deep into the stream».2

The origin of these ideas can be found in the England of the 1920s. A time of upheaval, when pedestrians, horse-drawn carriages, bicycles and automobiles all share the streets of London. A time when female students at Oxford University finally receive the right to study for the same degrees as their male colleagues – but then, a year later at Cambridge University, in honor of the blocking of this very same policy there, students celebrate by destroying a monument to Anne Jemima Clough.3 A place – England – where radio waves are transmitted for the very first time, and where the BBC extends its area of coverage to the whole of the British Isles within a mere three years. It is, too, the heyday of the English imperialism: the British Empire encompasses 458 million inhabitants (a quarter of the world's population at the time), making it the largest empire of all time.

In 1929 Virginia Woolf describes a situation without which the writing of pure poetry is impossible. A situation which can only be achieved when certain basic requirements of space, time and spirit are met. In doing so, she denounces a society that has until then hindered the very existence of female poets:

It is important to have a room of one's own, which is reserved for oneself alone. It offers the possibility to be oneself, to think of things in themselves, and bars admission to any distraction. It offers time to linger and to become engrossed, without any deadline that may expire.

A social counterpart is needed: a society that is curious about what one has thought. Indifference should not exist, nor should one be greeted by hostility. A community is needed, which prevents a mind from being mislead and from needing to feel resentfulness, protest, anger, bitterness or fear. Only in such conditions can a mind arise that is androgynous, porous and resonant, and is freed from expectations of how it must fit within the social order.

The path to education must be free. There must be a universal basic income of CHF 30'000 per year4, to guarantee independence and free one from having to work in gray suits for some unknown person or thing.

Woolf gives a hopeful prognosis for the current year: Shakespeare's sister may well be born – a poet with an androgynous mind, with the same talent and carefree life as her brother, who enjoys the conditions stipulated by Woolf, who has the habit of freedom and the courage to write exactly what she thinks.

The birth of Shakespeare's sister – and thus of Woolf's hopes in the possible realization of the social structures she's called for – is imagined in today's world. In a time nine years after the Swiss Federal Council first contains a majority of women. In a decade when the Swiss electorate has its first opportunity to vote on a referendum for the Universal Basic Income,5 when the term 'fake news' has entered our dictionaries and the Democratic Republic of the Congo holds the last place on the Human Development Index of the United Nations. Her prediction comes in the year of the thirtieth anniversary of the World Wide Web.

In this today, without explicitly referencing Woolf's texts, Rita Siegried paints spaces which show us the room of one's own: they remind us of Woolf's aspirations for the contemporary world. The motifs seem familiar, they seem to show what has already become part of our material reality. And yet Siegried's works still leave us with a feeling of longing. The moments in which we can linger and become engrossed seem rare; an androgynous, porous and resonant mind turns out to be the exception to the rule. Let us together take the final steps to this goal.

«For masterpieces are not single and solitary births; they are the outcome of many years of thinking in common, of thinking by the body of the people, so that the experience of the mass is behind the single voice.»6

 

Rita Siegfried (*1964) lives and works in Bern. After an apprenticeship as a gilder (1980-1984) she completed her studies in visual arts at the Schule für Gestaltung in Bern in 1999. She presently works as an artist and as a gilder, as well as teaching at the Schule für Gestaltung in Bern. She received the Aeschlimann Corti scholarship in 1996 and «Werkbeiträge» from the city of Bern in 2001.

 

1 Virginia Woolf (* 25 January 1882 in London; † 28 March 1941 in Sussex) was a British writer and publisher. She came from an affluent family of intellectuals with contact to numerous literary figures. In her adolescence she experienced first-hand the constraints which Victorian society placed on girls and women. Relatively early in her life she was active as a literary critic and essayist; her career as a novelist began in 1915 with the publication of «The Voyage Out». By the end of the 1920s she had become a successful and internationally recognized author. Woolf was 'rediscovered' in the 1970s, when her essay 'A Room of One's Own' (1929) became one of the most frequently cited texts in the nascent women's movement. Together with Gertrude Stein, her avant-garde works have earned her a place as one of the leading female writers of classic modernism.

2 «By hook or by crook, I hope that you will possess yourselves of money enough to travel and to idle, to contemplate the future or the past of the world, to dream over books and loiter at street corners and let the line of thought dip deep into the stream.» Woolf, Virginia: A Room of One's Own. Berlin: Insel Verlag 2019 (1929), 127.

3 Anne Jemima Clough (*1820) was a British suffragette and fought for women's access to higher education. She was the first principal of Newnham College.

4 Virginia Woolf gave the sum of £500 per year in 1929, which would be about CHF 30,000 today.

5 The initiative calls for the implementation of a universal basic income. This would enable the entire population to lead a dignified existence and participate in public life regardless of whether or not they are gainfully employed.

6 Woolf, Virginia: A Room of One's Own. Berlin, Insel Verlag 2019 (1929), 79.